Jerusalem und die Kreuzigung Christi im Panorama – eine Erfolgsgeschichte

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es weltweit ein großes Interesse, nationale Themen, vor allem Schlachten, als Panoramen zu gestalten. In der Hoffnung auf Gewinne aus den Einnahmen an Eintrittsgeldern  finanzierten eigens gegründete Aktiengesellschaften Gebäude und die Produktion der bis zu 15 Metern hohen und im Umfang bis zu 120 Metern messenden kolossalen Rundgemälde. Viele Großstädte besaßen am Ende des 19. Jahrhunderts mindestens ein Panoramagebäude, in dem wechselnd und im Austausch neue Panoramabilder gezeigt wurden. Die Idee, die historische Begebenheit der Kreuzigung Christi in einem Panorama darzustellen, entstand in dieser Zeit.
Für ein Panorama mit  religiöser Thematik boten sich vor allem Wallfahrtsorte an. Ein erstes Panorama mit der Darstellung der Kreuzigung Christi, gemalt von dem belgischen Künstler Juliaan de Vriendt (1842-1935), war 1884 im belgischen Wallfahrtsort Montaigu zu sehen. Ein Jahr später beauftragte eine Münchner Panoramagesellschaft den renommierten deutschen Maler BrunoPiglhein (1848-1894) mit einem Panorama desselben Themas. Wie schon de Vriendt reiste auch Piglhein zu Studienzwecken für die Schaffung seines Panoramagemäldes nach Jerusalem, begleitet von Karl Hubert Frosch, der für den architektonischen Teil des Gemäldes zuständig war, sowie von Joseph Krieger, der den landschaftlichen Teil ausführte. Piglhein selbst oblag die Gesamtkonzeption und der figürliche Teil. Nach einem Aufenthalt von sechs Monaten in Palästina und einer Ausführungszeit von neun Monaten für die Malarbeiten war das 120 Meter lange und 15 Meter hohe Gemälde vollendet. Von Juni 1886 bis März 1889 wurde es mit großem Erfolg in München ausgestellt. Von Frühjahr 1889 bis Ende 1891 war es in Berlin zu sehen und ab März 1892 in Wien, wo es knapp einen Monat später unglücklicherweise einem Brand zum Opfer fiel.  

Piglheins viel bewundertes Panorama Kreuzigung Christi wurde zum unmittelbaren Vorbild zahlreicher Panoramen weltweit. Karl Hubert Frosch, Mitarbeiter an Piglheins Panorama, wurde 1886 von einer amerikanischen Panoramagesellschaft als Spezialist für Jerusalempanoramen engagiert. Er arbeitete in Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin zusammen mit einem Team deutscher, österreichischer und Schweizer Künstler an drei Panoramen religiöser Thematik, für die er die Stadt Jerusalem malte. Zwei dieser Panoramen, die die Kreuzigung Christi zum Thema hatten, waren in mehreren amerikanischen und englischen Städten ausgestellt. Weitere Jerusalem-Panoramen wurden in Amerika von einer Gruppe von Malern unter der Leitung des französischen Künstlers Paul Philippoteaux geschaffen. Sie wurden auch in Australien und Kanada gezeigt. In Europa entstanden vor allem in Deutschland bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts mehrere Panoramen religiöser Thematik. Insgesamt haben sich weltweit drei Rundgemälde mit dem Thema Jerusalem und die Kreuzigung Christi erhalten: im Wallfahrtsort Ste. Anne de Beaupré bei Québec in Kanada, im oberbayerischen Wallfahrtsort Altötting in Deutschland  und im Wallfahrtsort Einsiedeln in der Schweiz.

Das Panorama Kreuzigung Christi in Einsiedeln

Die beiden panoramaerfahrenen Künstler Karl Hubert Frosch (1846-1931) und Joseph Krieger (1848-1914) hatten sich in den 1890er Jahren auf  Panoramen religiöser Thematik spezialisiert. 1892 schlossen die in Backnang bei Stuttgart ansässigen Panorama-Unternehmer Eckstein & Esenwein mit ihnen einen Vertrag über die Herstellung eines Panoramas Kreuzigung Christi. Als möglichen Partner für einen Standort wurde das Kloster im Wallfahrtsort Einsiedeln in der Schweiz angefragt. Dieses lehnte jedoch ab. Stattdessen übernahmen die Unternehmer Martin, Adelrich und Karl Gyr aus Einsiedeln mit Hilfe des Einsiedler Verlagshauses Benziger und Co. das Unternehmen.

Gemalt wurde das 10 Meter hohe und 100 Meter lange Riesenrundgemälde in sechs Monaten im Panorama-Gebäude an der Theresienhöhe 2a, einem der damals drei Ausstellungsgebäude für Panoramen in München. Frosch und Krieger waren, wie schon beim Panorama Piglheins, für den architektonischen bzw. den landschaftlichen Teil des Gemäldes zuständig. Für den figürlichen Teil zog man den amerikanischen Künstler William Robinson Leigh (1865-1955) hinzu, der zu dieser Zeit in München tätig war und auch an anderen Panoramen mitwirkte. Vor seinem Transport nach Einsiedeln war das fertige Panorama für einige Wochen im Münchner Panorama-Gebäude an der Theresienhöhe 2a öffentlich ausgestellt. Am 1. Juli 1893 wurde das Panorama Kreuzigung Christi in Einsiedeln in einem eigens errichteten Gebäude, einem zwölfeckigen Zentralbau von 33 Metern Durchmesser, feierlich eröffnet. Es entwickelte sich schnell zu einer gut besuchten Sehenswürdigkeit des Wallfahrtsortes.

Das zweite Leben des Panoramas Kreuzigung Christi in Einsiedeln

Auf tragische Weise ging das erste Leben des Panoramas in Einsiedeln am 17. März 1960 zu Ende, als bei Renovierungsarbeiten an Fassade und Innenräumen Feuer ausbrach und Gebäude und Gemälde vollständig niederbrannten. Das zweite Leben des Panoramas begann noch im selben Jahr, als man sich zu einem Neubau und zu einer Neugestaltung des Bildes nach vorhandenen Farbaufnahmen entschloss. Zunächst wurde ein neues Panorama-Gebäude gebaut. Die alte Holzkonstruktion wurde durch ein feuersicheres Gebäude aus Stahlträgern und Leca-Betonelementen ersetzt. Für die Neugestaltung des Bildes konnten über einen Wettbewerb die Wiener Künstler Prof. Hans Wulz (1909-1985) und Prof. Josef Fastl (1929-2008) gewonnen werden. Nicht eine genaue Kopie oder Reproduktion des alten Bildes war das Ziel. Das neue Bild sollte in malerisch-künstlerischer Hinsicht eine zeitgemäß moderne Auffassung zeigen. Es entstand 1961/62  innerhalb eines halben Jahres, in gleicher Größe und in allen Details der Komposition dem Vorbild folgend, allerdings in einer freieren Malweise, die sich von der detaillierten realistischen des ursprünglichen Bildes unterscheidet. „Bei Betrachtung unmittelbar an der Leinwand erkennt das erstaunte Auge, wie sich alle Gegenstände in buntesten Flecken und grossen Strichen auflösen. Frisch, jugendlich, spontan und lebendig, mit höchst intensiv leuchtender Farbigkeit zeigt sich das neue Kunstwerk“ (Prof. Huggler bei der Eröffnungsansprache). Das nach dem Vorbild des zerstörten Panoramas neu geschaffene plastische Faux Terrain wurde von Hans Städeli in Zusammenarbeit mit Bühnenbildnern des Berner Stadttheaters erstellt. Die Wiedereröffnung fand am 14. April 1962 statt.

1993 konnte das Panorama sein 100-jähriges Bestehen feiern. Heute zählt es zu den bedeutendsten künstlerischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten im Raume Einsiedeln. In über hundert Jahren haben fast 5 Millionen Pilger und Touristen das Panorama besucht. Geführt wird es von der Panorama-Gesellschaft, die seit ihrer Gründung im Jahre 1894 als eine einfache Gesellschaft nach dem Obligationenrecht besteht.